Dann kam Gott, und er nannte sich Galactus. Im M%26auml;rz 1966 betrat er die Erde
mit der festen Absicht, diesen Planeten zu verspeisen. Vorausgeschickt hatte
er seinen Herold, den Silver Surfer, eine Gestalt, so sch%26ouml;n und r%26auml;tselhaft
wie ein gefallener Engel, elegant wie die Wellenreiter an Kaliforniens
K%26uuml;ste. Eine Comicfigur, die in der Geschichte der Popkultur tiefe Spuren
hinterlassen sollte.
Entsprungen ist dieser Klassiker des Superhelden-Comics der Fantasie des
Zeichners Jack “King” Kirby und seines Autors Stan Lee. Diese
Woche startet im Kino der Film “Fantastic Four - Rise Of The Silver
Surfer”. Wer ist diese Figur?
Nahrungssuche f%26uuml;r den Herrn
Im November 1961 hatten Kirby und Lee die Comic-Serie “Fantastic Four”
erfunden und Monat f%26uuml;r Monat zu neuen, spannenden H%26ouml;hepunkten gef%26uuml;hrt. “Helden
mit einem Handicap” lautete die Zauberformel des Marvel-Verlages: Auf
der einen Seite waren die Marvelhelden ganz normale Menschen mit ganz
normalen Problemen. Auf der anderen Seite wurden die Bedrohungen f%26uuml;r diese
Haudegen immer fantastischer. Knappe viereinhalb Jahre sp%26auml;ter war der
H%26ouml;hepunkt der “Fantastic Four” erreicht: In Heft 48 betrat
der Surfer die Marvel-Erde und signalisierte seinem Herrn: “Hier gibt
es reichlich Nahrung.”
Im Verlauf des Kampfes der Fantastischen Vier gegen Galactus entwickelt der
Surfer ein Gewissen und stellt sich auf die Seite der Menschen. Daf%26uuml;r wird
er von seinem Herrn bitter bestraft: Der Surfer muss k%26uuml;nftig auf der Erde
bleiben, gefangen gehalten von einer kosmischen Barriere, die ihm den Weg
ins All versperrt.
Doch damit war seine Karriere keineswegs vorbei. In den n%26auml;chsten Monaten
hatte er Gastauftritte in nahezu allen Marveltiteln. Die Leser liebten diese
r%26auml;tselhafte, kindlich-reine Gestalt, die eine unendliche Traurigkeit
ausstrahlte. Es war eine Figur, die so recht in ihre Zeit passte: Auch die
Musik von Brian Wilson und seinen Beach Boys feierte ja vordergr%26uuml;ndig ewige
Jugend, schnelle Autos und das Leben am Strand. Dahinter jedoch lauerte ein
d%26uuml;sterer Abgrund.
Pl%26ouml;tzlich ein Jammerlappen
Der Silver Surfer war eine widerspr%26uuml;chliche Gestalt, die sich nicht dem
normalen Gut-B%26ouml;se-Schema unterordnete. Auch dies wohl ein Grund f%26uuml;r die
Faszination des Publikums. Was lag also n%26auml;her, als dem Surfer eine eigene
Serie zu widmen? Diese startete im August 1968: Zeichner war “Big”
John Buscema, ein K%26uuml;nstler, der den kraftvollen, aber meist etwas steifen
Stil Kirbys mit der Eleganz europ%26auml;ischer Comic und moderner Popart verband.
Geschrieben wurde die Serie von Stan Lee pers%26ouml;nlich.
Lee verwandelte den Surfer in einen larmoyanten Jammerlappen: “Die
Menschheit ist verr%26uuml;ckt … Und gerade hier bin ich gefangen! Wie lange muss
ich noch dieses unbegreifliche Schicksal ertragen?” Gleichzeitig bekam
der Surfer erstmals eine Ursprungsgeschichte und einen richtigen Namen: Dass
Norrin Radd Galactus diente, war ein Akt der Selbstopferung, damit sein
Heimatplanet verschont wird. Die Soloserie war zwar nie besonders
erfolgreich und starb 1970 nach nur 18 Heften den Kiosktod, die Monologe des
Helden %26uuml;ber Frieden und %26Ouml;kologie faszinierten jedoch viele studentische
Leser.
Doch 1978 legten Kirby und Stan Lee eine - damals noch nicht so genannte - graphic
novel mit dem Surfer vor. Die 100 Seiten lange Erz%26auml;hlung war so
ambitioniert, dass sie in einem normalen Literaturverlag erschien. 1988
trafen sich Stan Lee und die franz%26ouml;sische Comiclegende Jean Giraud alias
Moebius und vereinbarten eine Zusammenarbeit: “W%26auml;hrend unserer
Unterhaltung”, erz%26auml;hlt Lee stolz, “erw%26auml;hnte Jean, dass ihn
der ‘Silver Surfer’ immer fasziniert h%26auml;tte. Ich l%26auml;chelte. Ich hatte gehofft,
dass er genau das sagen w%26uuml;rde.” So entstand die Miniserie “Parabel”.
Tarantino und der Surfer
%26Uuml;ber die Jahre fanden sich viele Anspielungen auf Kirbys Sch%26ouml;pfung in Film
und Musik. 1983 trug Richard Gere in Jim McBrides gro%26szlig;artigem Godard-Remake “Atemlos”
ein Surfer-Heft mit sich herum und las einige Passagen laut daraus vor. Vier
Jahre sp%26auml;ter lie%26szlig; sich Gitarrenheld Joe Satriani f%26uuml;r seine LP “Surfing
With The Alien” ein Cover gestalten, auf dem der Surfer zu sehen war.
Ausf%26uuml;hrender K%26uuml;nstler war der Kirby-Nachfolger John Byrne, dessen eigene
Wiederbelebung des Surfers kurz zuvor in die Hose gegangen war. Und wo mag
wohl der Berliner West-Coast-Rocker Gandulf Hennig den Namen f%26uuml;r seine Band
Norrin Radd her haben?
Den meisten Widerhall fand der Silver Surfer wohl im Werk Quentin
Tarantinos. In “Reservoir Dogs” h%26auml;ngt im Zimmer von Tim Roth ein
Poster seines Helden. In Tony Scotts “Crimson Tide” - ein Film,
bei dem Tarantino als Drehbuchdoktor beteiligt war - pr%26uuml;geln sich zwei
U-Boot-Leute %26uuml;ber die Frage, welcher Surfer besser ist, der von Kirby oder
der von Moebius. “Jeder wei%26szlig; doch”, schnarrt Denzel
Washington als Offizier, “dass Kirbys Surfer der einzig wahre ist.”
Schlagworte
Vermutlich war gerade die Widerspr%26uuml;chlich- und
Vielschichtigkeit der Figur ein Grund daf%26uuml;r, dass ihm der ganz gro%26szlig;e Erfolg
versagt blieb. Fast alle Versuche, dem Surfer ein gr%26ouml;%26szlig;eres Publikum zu
erschlie%26szlig;en, scheiterten kl%26auml;glich. Die Surfer-Heftserien in den letzten
Jahren waren unlesbar; eine TV-Trickfilmserie, produziert von Chaim Saban,
wurde nach nur 13 Folgen eingestellt. Vielleicht klappt es ja mit dem
zweiten “Fantastic Four”-Film.
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