Eine bemerkenswerte “Simpsons”-Folge, die in den USA gerade gesendet wurde, macht den Comicladen der Stadt zum Thema. Der missmutige Kinderfeind, der das Gesch%26auml;ft leitet, bekommt Konkurrenz. Gegen%26uuml;ber gibt es pl%26ouml;tzlich einen hellen, h%26uuml;bschen Comicpalast. Zu dessen Er%26ouml;ffnung sind drei Superstars da. Die Zeichner Dan Clowes, Art Spiegelman und Alan Moore signieren ihre klugen Werke. Alle drei haben sich, wie %26uuml;blich bei den “Simpsons”, selbst gesprochen. Sp%26auml;ter in der Folge fliegen die drei Gr%26ouml;%26szlig;en des ambitionierten Comics sogar als echte Superhelden durch den Himmel.Hier verbeugt sich nicht nur eine gezeichnete TV-Serie vor ihren papiernen Vorbildern. Die Simpsons griffen schon immer den Zeitgeist auf - in der aktuellen 19. Staffel ging es um Youtube, Elite-Kinderg%26auml;rten oder Frauenfitness. Das Auftreten der Zeichnerikonen ist mehr. Es zeigt, wie sehr die Graphic Novel, die hohe Comic-Kunst, inzwischen mitten in der Gesellschaft angekommen ist und als Spiegel der Erfahrung funktioniert. Allein ein Besuch im n%26auml;chsten Comicladen in jeder mittelgro%26szlig;en deutschen Stadt wirkt wie eine %26Uuml;bersicht %26uuml;ber alles, was zurzeit ohnehin in der Gesellschaft diskutiert wird.Der Amerikaner Jason Lutes hat seinen mehrteiligen Comicroman “Berlin - steinerne Stadt” %26uuml;ber das Ende der Weimarer Republik und das Erstarken der Nazis fast abgeschlossen. Der New Yorker Brian Wood legt einen weiteren Band aus “DMZ” vor, einer negativen Utopie, die den Irak-Krieg in ein umk%26auml;mpftes Manhattan verlegt. Sie erscheint zwar als typisch amerikanische Heftchenfolge, soll aber nach 60 Heften ein kompletter gezeichneter Roman mit einer abgeschlossenen Handlung sein. Der Cartoonist Gilbert Hernandez hat das Leben von Stra%26szlig;enkindern auf einer M%26uuml;llkippe gezeichnet. Selbst vom Manga, der traditionell immer als eher billige Serie angelegt war, kommen gro%26szlig;e Romanwerke: Etwa die r%26uuml;hrende Familienstudie “Vertraute Fremde” des Japaners Jiro Taniguchi %26uuml;ber einen Mann, der das Geheimnis seines Vaters l%26uuml;ften will, der fr%26uuml;h Frau und Kinder verlie%26szlig;.Angefangen hat alles in den sp%26auml;ten Siebzigern. Als Erfinder der Graphic Novel gilt Will Eisner, der 1978 “Ein Vertrag mit Gott” ver%26ouml;ffentlichte und sein Werk von der Serienware der sonstigen Comics bewusst absetzen wollte. Er stie%26szlig; damit ein ganzes Genre an, es schien, als h%26auml;tten etliche Comiczeichner nur darauf gewartet, sich aus der Enge der Genrestoffe zu l%26ouml;sen und endlich nachdenklicher zu werden. Dabei wurde bald der alte Superheldencomic aufgegriffen und f%26uuml;r immer ver%26auml;ndert. 1984 schrieb Frank Miller “Die R%26uuml;ckkehr des dunklen Ritters”, in dem ein gealterter, zynischer Batman sein letztes Gefecht in einer korrupten und heruntergekommenen Welt f%26uuml;hrt. Pl%26ouml;tzlich waren Comics auch in den USA als Kunst anerkannt.Eisner hatte zuletzt, kurz vor seinem Tod im Jahr 2005, eine halbfiktionalen Comicroman ausprobiert, in dem er die Geschichte der antij%26uuml;dischen F%26auml;lschung “Die Protokolle der Weisen von Zion” erz%26auml;hlt. Miller dagegen, der sich immer drastischer hoffnungslosen Gesellschaftsvisionen widmet, gibt sich in letzter Zeit als konservativer Cowboy seines Fachs. Mehrfach k%26uuml;ndigte er an, Batman gegen Bin Laden ins Feld schicken zu wollen, einfach als “ein St%26uuml;ck Propaganda”. Stattdessen wird Miller nun Filmregisseur, und zwar von Will Eisners “The Spirit”, eines fr%26uuml;hen Helden der Vierziger, der mit Duldung der Polizei Schurken bek%26auml;mpft.Zweifellos geben Filme den Comicromanen noch einen weiteren Schub. Die brutale Antike-Klamotte “300″ war auf der Leinwand ein %26Uuml;berraschungserfolg. Vom selben Zeichner Frank Miller war vorher die Verfilmung “Sin City” wegen ihrer frappierend genauen Werktreue aufgefallen. Alan Moores “V for Vendetta” wurde mit Natalie Portman verfilmt. Mancher Hit des neuen Jahrzehnts - “Road to Perdition”, “Men in Black” - war eine Comicadaption.Zurzeit warten Comicfans auf die Verfilmung von Alan Moores “Watchmen”, einer der besten Graphic Novels %26uuml;berhaupt, in der der Brite 1987 thematisch den Kalten Krieg mit einer fiktiven Jagd nach den letzten Superhelden verbindet.Die Welle im Kino wurde 2002 von “Spiderman” ausgel%26ouml;st, auf der Leinwand eine komplexe psychologische Erz%26auml;hlung. Sie schaffte sofort den Sprung in die Top Ten der erfolgreichsten Filme aller Zeiten.Immerhin ein Achtungserfolg ist zurzeit ein wesentlich sperrigerer Stoff, der Film zum Comic “Persepolis” der Exil-Iranerin Marjane Satrapi. Die in Paris lebende Zeichnerin schildert darin in einem schroffen, an Art Spiegelman und dem Franzosen David B. angelehnten Schwarz-Wei%26szlig;-Stil ihre Jugend in Teheran zurzeit der iranischen Revolution, ihr Exil in Wien und ihren erfolglosen Versuch, noch einmal in der Heimat zu leben.%26Auml;hnlich d%26uuml;ster ist Hernandez’ “Chance in Hell”, eine bittere Studie %26uuml;ber die Frage, ob seelisch Geschundene je wieder zu ganzen Menschen werden und ein frohes Leben f%26uuml;hren k%26ouml;nnen. Die Antwort lautet nat%26uuml;rlich: Nein. Wer noch ein herk%26ouml;mmliches Bild von Comics hat, das von Donald Duck oder Tim und Struppi bestimmt ist, d%26uuml;rfte so etwas nicht erwartet haben.Dabei kann der Comicroman sogar einer regelrechten Kunstdebatte standhalten: Schlie%26szlig;lich w%26auml;hlt er je nach Thema und Erz%26auml;hlhaltung auch noch seine ganz eigene grafische Form. Das reicht bei den aktuellen Werken vom blass-sehnsuchtsvollen Aquarellstil - im neuen Band “5 Songs” des mit Preisen %26uuml;berh%26auml;uften Italieners Gipi - %26uuml;ber den fl%26auml;chigen, fast kubistisch gestalteten Reisebericht “Pj%26ouml;ngjang” von Guy Delisle aus Kanada bis hin zu einem immer wieder verwendeten harten Schwarz-Wei%26szlig;-Ton, der oft auch f%26uuml;r die h%26auml;rteren Geschichten reserviert wird.Sein Meister d%26uuml;rfte der franz%26ouml;sische Zeichner David B. sein. In dem Werk “Die heilige Krankheit”, dessen zweiter und abschlie%26szlig;ender Band gerade erschienen ist, hat er sich mit der heftigen Epilepsie-Erkrankung seines Bruders befasst. Das Buch ist eine Abrechnung mit der hilflosen Medizin geworden und die sensible Innenschau eines besch%26auml;digten Lebens.Der ernste Comicroman ist lebendig wie selten, selbst hierzulande. In Hamburg geht heute ein 2006 erst gegr%26uuml;ndetes Comicfestival zu Ende. Und die kleineren, ambitionierten deutschen Comicverlage Deutschlands starten morgen gemeinsam die Internetseite Graphic-novel.info, eine Art Infoportal zum Thema Comicroman.Nun m%26uuml;sste noch die Produktion folgen. Denn aus Deutschland, das nach wie vor kein gro%26szlig;es Comicland ist, kommt eher wenig.Aber manchmal Gro%26szlig;artiges: Die 30-j%26auml;hrige Line Hoven etwa hat in “Liebe schaut weg” die Geschichte ihrer Familie aufwendig auf Schabkarton gekratzt. Mit einer %26auml;hnlichen Idee, der einf%26uuml;hlsamen Rekonstruktion des Lebens ihrer Vorfahren, ist die Schriftstellerin Julia Franck bekanntlich gerade zum Literaturstar geworden.Line Hoven hat mit dem Konzept, als Comic erz%26auml;hlt, noch lange keinen kommerziellen Erfolg. Dabei entwickeln ihre feinen, dunklen Bilder eine ganz eigene Kraft, in die Vergangenheit zu entf%26uuml;hren.Hoven kann, wie sie unl%26auml;ngst in einem Radiointerview zugab, selbstverst%26auml;ndlich nicht davon leben. Aber “es macht einfach gl%26uuml;cklich”, wie sie sagt.Das Lesen und Schauen hinterher auch. So jedenfalls darf man zurzeit wieder empfinden.Gipi, 5 Songs. Avant-Verlag, 17,95 EuroDie Katze des Rabbiners. Jerusalem in Afrika. Avant-Verlag, 16,95 EuroDavid B., Die heilige Krankheit. Bd. 2. Schatten. Edition Moderne, 22 Euro
cartoonist,Graphic Novel,graphic novels,Novel,persepolis,watchmen,wb
Related Articles
No user responded in this post
Leave A Reply
Please Note: Comment moderation maybe active so there is no need to resubmit your comments