Bald gibt es den britischen Booker-Preis seit vierzig Jahren, und mit der Zeit gleicht es sich aus. 1989 war Kazuo Ishiguros Roman “Was vom Tage %26uuml;brigblieb” John Banvilles “Buch der Beweise” eine - wie die rennbegeisterten Briten gern sagen - knappe Nasenl%26auml;nge voraus, 16 Jahre sp%26auml;ter war es Zeit f%26uuml;r eine Revanche, und diesmal lief Banville Ishiguro den Rang ab. F%26uuml;r seinen schmalen Roman “The Sea” gewann er den diesj%26auml;hrigen, mit 50 000 Pfund (72 000 Euro) dotierten Booker-Preis, die wichtigste Literaturehrung des Commonwealth, und ausgerechnet gegen Ishiguros Roman “Alles, was wir geben mu%26szlig;ten” setzte er sich am Ende durch. Einmal mehr sei es, so dr%26uuml;ckte es der Jury-Vorsitzende John Sutherland aus, “eine sehr umk%26auml;mpfte letzte Runde” gewesen; und einmal mehr lagen Englands Wettk%26ouml;nige daneben, die Julian Barnes mit seinem Conan Doyle-Roman “Arthur and George” vorn gesehen oder gar auf die %26uuml;bersch%26auml;tzte Zadie Smith gesetzt hatten.Die knappe Niederlage von vor 16 Jahren allerdings bedeutete f%26uuml;r Banville schon damals einen gro%26szlig;en Erfolg. Mit dem “Buch der Beweise” hatte der Literaturredakteur der Dubliner “Irish Times” sich in die erste Reihe irischer Autoren geschrieben, fortan gewann er Preis um Preis - wenn auch nicht ganz so viele Leser. Banvilles traditionsbewu%26szlig;te, anspielungsreiche, etwas verkopfte Prosa hat etwas snobistisches, nur das Beste vom Besten findet in ihr komplexes Bezugssystem: Viel Goethe in den Roman “Mefisto” (1986), viel Hofmannsthal in die dichte Erz%26auml;hlung “Newtons Brief” (1982). Proust, Joyce, Rilke, Beckett und Thomas Mann sind Quellen, zu denen Banville immer wieder zur%26uuml;ckkehrt, und manchmal h%26ouml;rt man im Flu%26szlig; seiner Prosa auch ein Gedicht von Yeats pl%26auml;tschern.John Banville, 1945 im irischen Wexford geboren, begann seine schriftstellerische Karriere als Potsmoderner. Nach einem ersten Erz%26auml;hlungsband, “Long Lankin” (1970) spielte er mit mehr Geist als Erfolg mit den literarischen Konventionen des Thrillers (”Nightspawn”, 1971) oder der zutiefst irischen, in den famili%26auml;ren Niedergang vernarrten “big-house-novel” (”Birchwood”, 1973). Es folgte - mit “Doctor Copernicus”, “Kepler”, “Newtons Brief” und “Mefisto” - eine Tetralogie der “gro%26szlig;en, kalten Heroen, die sich”, so steht es in “Newtons Brief”, “der Welt und dem menschlichen Gl%26uuml;ck versagen, um dem gro%26szlig;en Spiel des Geistes nachzugehen.” Im Kosmos des John Banville aber entpuppen sich diese Spiele des Geistes ausnahmslos als Geisterspiele, als gro%26szlig;angelegte Fiktionen, die das wahre, kreat%26uuml;rliche Leben zu verpassen verdammt sind. Vergleichbares %26uuml;brigens ist %26uuml;ber Banvilles Romane selbst gesagt worden. Handlungsf%26uuml;hrung, Tempo und Spannung sind Banvilles Sache tats%26auml;chlich nicht, lieber brilliert er auf der Stilebene und setzt seine Worte so bed%26auml;chtig wie ein Bergsteiger seine Schritte. “The Sea” kommt ganz als Kunstst%26uuml;ck der Reflexion daher. Um einer verlorenen Kindheit, der seltsamen Begegnung mit einer seltsamen Familie und dem Tod der geliebten Frau nachzusp%26uuml;ren, w%26auml;gt der Erz%26auml;hler Max Morden - einer von obsessiv vielen Kunsthistorikern in Banvilles Werk - jeden Begriff von Erinnerung ab. Und w%26auml;gt und w%26auml;gt und w%26auml;gt.Tats%26auml;chlich hat es wohl %26uuml;berzeugendere Booker-Preistr%26auml;ger gegeben als dieses Buch, und schon im Vorfeld der Preisverleihung wurden in Gro%26szlig;britannien Stimmern laut, der Preis selbst - immerhin das Vorbild des neu geschaffenen Deutschen Buchpreises - sei reformbed%26uuml;rftig. Wahr ist: Die diesj%26auml;hrige Longlist des Booker sah ziemlich prachtvoll aus. Da fand sich ein zu gro%26szlig;er Form aufgelaufener Altmeister wie Ian McEwan (”Saturday”) neben einem wirklich interessanten Deb%26uuml;tanten wie James Meek (”Die einsamen Schrecken der Liebe”), Rushdie neben Coetzee und dazwischen Marina Lewyckas “Short History of Tractors in Ukrainian”. Seltsamerweise aber blieb die Shortlist dann hinter den Erwartungen, die die Longlist geweckt hatte, zur%26uuml;ck. Die ganz gro%26szlig;en Namen und die kleinen feinen Texte wurden aussortiert, und - mit Ausnahme des Iren Sebastian Barry, der eigentlich mehr f%26uuml;r seine St%26uuml;cke denn seine Romane bekannt ist - blieben die hoch gehandelten Talente %26uuml;brig (Zadie Smith und Ali Smith) oder die, die schon lange f%26uuml;r den Booker anstehen (Banville und Barnes). Der ganz gro%26szlig;e Aufreger aber wie DBC Pierres umstrittener Roman “Jesus von Texas” oder der letztj%26auml;hrige Gewinner “Die Sch%26ouml;nheitslinie” von Allan Hollinghurst fehlte. Die Shortlist klang, als sei man auf Nummer Sicher gegangen, und jetzt stellt sich ein Katergef%26uuml;hl ein. Denn zu viel Diplomatie ist einfach von Schaden. Gewi%26szlig;: John Banville ist ein w%26uuml;rdiger Preistr%26auml;ger - ebenso gewi%26szlig; aber ist er auch nicht mehr. Bei Lichte besehen, hat die Entscheidung der diesj%26auml;hrigen Booker-Jury etwas trostloses.
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