An diesem Donnerstag vor 30 Jahren starb Elvis Presley. Der traurige Moment
trug sich so zu: Schwei%26szlig;perlen standen auf der Stirn des King. Sein Blick
wurde leer. Zwei der falschen Freunde, die in Graceland bei ihm leben,
starren ihn entgeistert an %26ndash; da st%26uuml;rzt er auch schon, die offene
Tablettendose liegt neben der leblosen Hand. %26Uuml;ber der kalten Nachtszene
erklingt die Musik des christlichen Hymnus %26bdquo;Amazing Grace%26ldquo;, den er auf
seinem letzten Konzert gesungen hatte.
In Wirklichkeit war das nat%26uuml;rlich etwas anders. Elvis starb am hellen Tag
und zun%26auml;chst unbemerkt. Die d%26uuml;ster-dramatische Version stammt aus einem
neuen deutschen Comic: %26bdquo;Elvis %26ndash; die illustrierte Biografie%26ldquo; will, das macht
sie nicht nur an dieser Stelle klar, sich ihrem Thema eher assoziativ
n%26auml;hern. In zehn Kapiteln will sie Abschnitte, Br%26uuml;che und Risse des so
spektakul%26auml;ren wie tragischen Lebens erkl%26auml;ren, indem sie die gro%26szlig;en
emotionalen Dramen sucht. Details sind sekund%26auml;r.
Reinhard Kleist und Johnny Cash
VIDEO
Der Band wurde gerade von Reinhard Kleist und
Titus Ackermann herausgegeben %26ndash; von zwei M%26auml;nnern also, die zurzeit so etwas
wie die Verk%26ouml;rperung der erfolgreichen deutschen Comic-Avantgarde
schlechthin sind. Kleist hatte vor elf Jahren mit einer gezeichneten
Biografie des Phantasik-Schriftstellers H. P. Lovecraft begonnen, sich dem
Horrorgenre gewidmet mit etwa seiner Reihe %26bdquo;Berlinoir%26ldquo; und vor einem Jahr
die gelungene Johnny-Cash-Biografie %26bdquo;I see a darkness%26ldquo; gezeichnet. Der
Schweizer Titus Ackermann ist Illustrator und gibt das in Comic-Kreisen
angesehene Magazin Moga Mobo heraus.
F%26uuml;r ihr Elvis-Buch haben sie einige Gr%26ouml;%26szlig;en der deutschen Comicszene um
Mitarbeit gebeten, Namen wie Isabel Kreitz, Thomas von Kummant und Uli
Oesterle z%26auml;hlen zu den erfolgreichsten, die auch %26uuml;ber deutsche Grenzen
hinaus bekannt sind. Kleist, der sich zur%26uuml;ckh%26auml;lt und nur zwei Kapitel
zeichnet, hat hier vielleicht eine wichtige Rolle entdeckt: Die des
Impressarios der Comicszene.
Zehn Kapitel f%26uuml;hren also durch das Leben des Rock%26rsquo;n%26rsquo;Roll-K%26ouml;nigs, jedes hat
ein anderer gezeichnet. Alles beginnt mit Elvis%26rsquo; Zwillingsbruder Jesse, der
bei der Geburt stirbt. Von solcher mythisch %26uuml;berh%26ouml;hten Kraft, die dieses
auch sp%26auml;ter wieder zitierte Ereignis hier bekommt, sind manche weitere
durchtr%26auml;nkt: als warnende Kassandra stirbt Elvis%26rsquo; Mutter, eine Katastrophe
f%26uuml;r den liebenden Sohnes.
Alles ist gesagt, aber nicht gezeichnet
Wie die Freier im Haus des abwesenden Odysseus nisten sich bald Schnorrer
und schlechte Berater in Graceland ein. Und ein ganz moderner US-Mythos
%26uuml;berstrahlt und %26uuml;berzieht nat%26uuml;rlich alles %26ndash; der Aufstieg und Fall des
einfachen Jungen zum gr%26ouml;%26szlig;ten Star und zur%26uuml;ck zum fremdbestimmten Verlierer.
Weil das Leben dieses Mannes so sehr von
Legendenbildung und %26Uuml;berinformation verstellt und vernebelt ist, %26uuml;berzeugt
die Strategie dieser fiktionalen Biografie, auf Patchwork zu setzten. In den
Episoden dieses Comics geht es nicht um Akkuratesse und Faktenvermittlung.
Sie wollen ihren Gegenstand mit halb geschlossenen Augen ansehen und dadurch
mehr verstehen. Und sie wollen durch Vielfalt %26uuml;berzeugen. Die Episoden
variieren stark im Stil: Von der Jugend, holzschnittartig in Sepiat%26ouml;nen,
%26uuml;ber violett-verrauchte Konzertatmosph%26auml;re bis zum surrealen Linienzug der
letzten Exzesse erh%26auml;lt jede Phase ihren genuinen Look.
Das alles ist wohl nur sinnvoll, weil %26uuml;ber Elvis immer schon alles gesagt
ist. Genau deswegen ist das, was oberfl%26auml;chlich betrachtet als Eklektizismus
wirkt, eine kluge Wahl. Dem Band gelingt damit das Wunder, aus dieser
Vielfalt ein Mosaik namens Elvis zum Leben zu erwecken. Hier bringt
Comic-Kunst ihre eigene %26auml;sthetische St%26auml;rke f%26uuml;r ein aufregendes
Biografieprojekt ins Spiel. Das Buch ist wie das Remake eines Oldies. Ein
paar instruktive Funken schl%26auml;gt eine gute Neuinterpretation immer.
Panorama der Comickunst
Vielleicht ist Comic gar als Medium der Volksbildung untersch%26auml;tzt worden. In
dieser Woche erschien der Bericht eines Berliner Stadtreporters, der eine
Koreanerin am Checkpoint Charlie fragte, warum sie hier sei: In einem Comic
habe sie von der Wiedervereinigung gelesen und daraufhin die Reise nach
Deutschland beschlossen, bekam er zur Antwort.
Das Reiseziel dieser Frau ist nach wie vor kein ganz gro%26szlig;es Comicland, daran
%26auml;ndert ein sch%26ouml;ner Sammelband noch nichts. Er ist aber ein gutes und
ehrliches Panorama der Comickunst dieses Landes. Nicht jedes Kapitel von
%26bdquo;Elvis%26ldquo; ist gut. Daf%26uuml;r sind einige hervorragend.
Thomas von Kummant zeigt ein Konzert in tiefen Blau- und T%26uuml;rkist%26ouml;nen, setzt
gr%26uuml;ngrau das fette Gesicht des miesen Managers vor das Toben, blendet in die
tr%26uuml;gerische Idylle Gracelands %26uuml;ber %26ndash; und variiert dabei rhythmisch die
Raumtiefe, um zwischen Beklemmung und Hoffnung zu wechseln. Herausgeber
Kleist selbst zeigt den Tod der Mutter in expressiven
Diagonalkonstruktionen. Der Kasseler Nic Klein gibt Elvis%26rsquo; Jugend einen
verknitterten Anstrich alter Filmrollen.
Manche fehlen sogar, die man in einem solchen
Panorama der deutschen Graphic Novel erwartet h%26auml;tte. Etwa Kleists
Ateliergenossen Fil und besonders Andreas Michalke, der stilistisch gut
gepasst h%26auml;tte. Trotzdem ruft das Buch nicht nur das emotional Wesentliche
eines tragischen Lebens in Erinnerung, es ist zugleich ein Beweis daf%26uuml;r,
dass der deutsche Comic lebt %26ndash; in aller Vielfalt.
Reinhard Kleist, Titus Ackermann u.a.: Elvis %26ndash; Die illustrierte
Biografie. Ehapa Comic Collection, K%26ouml;ln. 128 S., 19 Euro.
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